Archiv | Oktober 13th, 2026

Neun Chefsessel und ein 63-Millionen-Loch

Neun Chefsessel und ein 63-Millionen-Loch

13 Oktober 2026 von Darian Lambert

Aus dem Rathaus · Haushaltssperre 2026

BM Kreutz:
Bin ich Pleite?

Bergisch Gladbach ist so klamm, dass ab sofort jede Ausgabe über 1.000 Euro einzeln genehmigt werden muss. In der Chefetage wurde vorher kräftig aufgestockt: Aus zwei Stellen der Spitzenbesoldung A 16 wurden neun. Warum, will die Verwaltung seit vier Monaten nicht sagen. Ihr Tipp: googeln.

Das Wichtigste vorab Haushaltssperre bis 31. Dezember: Jede gesperrte Ausgabe über 1.000 Euro braucht den Segen des Kämmerers – jetzt auch bei Investitionen.Defizit 2026: geplant 50,9 Millionen Euro, jetzt rund 63 Millionen. Das sind gut 170.000 Euro Miese pro Tag.Ausblick: 2027 droht das Pflicht-Haushaltssicherungskonzept, für 2032 hält die Prognose sogar eine Überschuldung für möglich.Stellenplan seit 2014: plus 44,7 Prozent. Einwohnerzahl: plus 4 Prozent.A 16: von zwei auf neun Stellen. Die mittlere Führungsebene A 14 schrumpft um gut ein Viertel.Unsere Anfragen seit Mai: keine einzige inhaltlich beantwortet.


Pleite verboten, klamm erlaubt

Pleitegehen ist Städten in Nordrhein-Westfalen gesetzlich verboten: Ein Insolvenzverfahren über das Vermögen einer Gemeinde ist nach § 128 der Gemeindeordnung nicht zulässig. Bergisch Gladbach testet gerade, wie nah man trotzdem herankommt.

Kämmerer Thore Eggert hat in Abstimmung mit Bürgermeister Marcel Kreutz eine haushaltswirtschaftliche Sperre nach § 25 Abs. 2 KomHVO NRW angeordnet. Sie gilt bis Silvester und verschärft die Bewirtschaftungsverfügung, die schon seit dem 2. September gilt. Neu ist: Auch Investitionen fallen jetzt darunter.

Für jede gesperrte Ausgabe über 1.000 Euro braucht es vorab eine Einzelfreigabe. Die Kämmerei prüft, der Kämmerer entscheidet. Bis Silvester geht damit jeder Drucker über 1.000 Euro über seinen Schreibtisch.

Grafik 1: So funktioniert die Haushaltssperre. Quelle: TOP-Verteiler 04/2026 der Stadt Bergisch Gladbach vom 13.10.2026.

Die Chefsessel nicht. Gehälter sind Rechtspflicht, vom Bürgerbüro bis zur A-16-Ebene. An der Struktur des Rathauses ändert die Sperre deshalb: nichts.

Der Bürgermeister lässt mitteilen, die Menschen müssten sich „auf ihre Stadt verlassen können“. Stimmt. Verlassen kann man sich vor allem darauf, dass die Sperre keinen einzigen Chefsessel berührt.

Ab dem 1. Januar 2027 folgt nahtlos die vorläufige Haushaltsführung, im Volksmund Nothaushalt. Vom Sperrmodus geht es direkt in den Notbetrieb – ohne Umweg über die Normalität.

Das Loch: rund 63 Millionen Euro

Geplant war für 2026 ein Minus von 50,9 Millionen Euro. Schon dafür musste die Verwaltung knapp 9,5 Millionen Euro „globalen Minderaufwand“ einplanen: eine Einsparung, die erst noch irgendwo gefunden werden muss.

Jetzt erwartet die Stadt ein Ergebnis, das rund zwölf Millionen Euro schlechter ausfällt als geplant. Macht rund 63 Millionen Euro Minus. Das Ziel, beim Defizit unter 50 Millionen zu bleiben, war schon im August Makulatur.

Grafik 2: Das Defizit 2026. Quelle: Stadt Bergisch Gladbach, Haushalt 2026 und Prognose vom 13.10.2026; Berechnung BÜRGERPARTEI GL.

Pro Tag sind das gut 170.000 Euro, pro Kopf rund 550 Euro – vom Säugling bis zur Seniorin. Die Bagatellgrenze der Haushaltssperre reißt die Stadt rechnerisch etwa alle acht Minuten. Auch nachts. Auch sonntags.

Als Gründe nennt die Stadt weniger Steuern, mehr Jugendhilfe und höhere Abschreibungen. Im Hauptausschuss nannte der Kämmerer 13 Millionen Euro weniger Gewerbesteuer und mindestens sieben Millionen mehr Kreisumlage. Für 2027 rechnet er mit einem Pflicht-Haushaltssicherungskonzept, für 2032 hält die eigene Prognose sogar eine Überschuldung für möglich.

Was ist ein Haushaltssicherungskonzept? Ein Haushaltssicherungskonzept (HSK) wird Pflicht, wenn eine Stadt ihre Rücklagen in größerem Umfang aufzehrt. Die Kommunalaufsicht muss es genehmigen, bis dahin gilt der Nothaushalt. Unter Druck geraten dann vor allem freiwillige Leistungen wie Kultur, Sport und Vereinsförderung.

Und das Personal? Es ist nicht allein schuld. Aber es ist ein dicker Posten, den die Stadt selbst in der Hand hat: Mehr als jeder fünfte Euro der Aufwendungen fließt ins eigene Personal.

Grafik 3: Personalaufwand im Kernhaushalt. Quelle: Haushaltsbücher 2018, 2023 und 2026, ausgewertet in der Strukturanalyse der BÜRGERPARTEI GL.

Seit 2014 haben sich die Personalkosten fast verdoppelt, von 55,5 auf 110,8 Millionen Euro im Plan 2026. Ein Teil davon sind Tariferhöhungen. Wie groß dieser Teil ist, könnte die Verwaltung beziffern. Die BÜRGERPARTEI GL hat im Mai danach gefragt. Antwort: bis heute keine.

Das Rathaus wächst zehnmal so schnell wie die Stadt

Seit 2014 ist der Stellenplan von 1.056,5 auf 1.528,5 Stellen gewachsen: plus 44,7 Prozent. Die Einwohnerzahl stieg im selben Zeitraum um rund vier Prozent. Das Rathaus wächst also mehr als zehnmal so schnell wie die Stadt, die es verwaltet.

Grafik 4: Stellenplan und Einwohnerzahl 2014 bis 2026. Quelle: Stellenpläne 2014 und 2026; Strukturanalyse der BÜRGERPARTEI GL.

Mit der Personaldichte von 2014 käme die Stadt heute mit rund 1.100 Stellen aus. Im Plan stehen 1.528,5.

Am schnellsten ging es zwischen 2017 und 2022: im Schnitt 5,36 Prozent mehr Stellen pro Jahr. Das liegt genau in dem Korridor, den der britische Marinehistoriker C. Northcote Parkinson schon 1955 beschrieben hat: Verwaltungen wachsen um 5,17 bis 6,56 Prozent im Jahr, egal wie viel Arbeit anfällt.

Parkinson hat das satirisch zugespitzt, aber nicht erfunden. Seine Belege waren echt: Die britische Marine hatte immer weniger Schiffe, die Admiralität immer mehr Beamte. Das galt damals, und es gilt heute – in Bergisch Gladbach steht es im Stellenplan.

Ja, es gibt neue Pflichtaufgaben: Kita-Ausbau, Ganztag, Digitalisierung, Zuwanderung. Die gibt es in Siegen und Neuss aber auch. Dort wuchsen die Stellenpläne bis 2023 um 11,1 und 25,5 Prozent.

Grafik 5: Verwaltungsdichte im Städtevergleich. Quelle: Strukturanalyse der BÜRGERPARTEI GL, Stand 03.05.2026.

Nicht mitgezählt sind die städtischen Töchter: Zanders-Entwicklungsgesellschaft und IPGL planen bis 2028 zusammen 26 Stellen, die in keinem Stellenplan der Stadt auftauchen.

Aus zwei Chefsesseln wurden neun

Den größten Sprung hat die Spitze gemacht. 2014 standen im Stellenplan zwei Stellen der Besoldungsgruppe A 16. Heute sind es neun.

Was ist A 16? A 16 ist die höchste Besoldungsgruppe für Laufbahnbeamtinnen und -beamte. Im Stellenplan heißt das Amt Leitende Direktorin oder Leitender Direktor, in der Regel sind das Fachbereichsleitungen. Darüber kommen nur noch die Wahlbeamten: Bürgermeister und Beigeordnete.

Grafik 6: A-16-Planstellen 2014 und 2026. Quelle: Stellenpläne 2014 und 2026 (Haushaltsplan-Entwurf 2026, S. 399).

Gleichzeitig schrumpfte die mittlere Führungsebene A 14 von 16 auf 11,5 Stellen. 2014 kamen auf eine A-16-Stelle acht A-14-Stellen, heute sind es 1,3. Die Pyramide hat Bauch angesetzt – ganz oben.

Grafik 7: Die Besoldungspyramide 2014 und 2026. Quelle: Stellenpläne Teil A, ausgewertet in der Strukturanalyse der BÜRGERPARTEI GL.

Bergisch Gladbach hat inzwischen mehr Leitende Direktoren als Direktoren: neun zu sechs. Wer hier vom Direktor zum Leitenden Direktor wird, steigt nicht auf, sondern wechselt in die Mehrheit.

Die neunte Stelle kam zuletzt dazu: 2024 standen acht im Plan, seit 2025 sind es neun. Welche, warum und auf welchen Ratsbeschluss hin, hat die BÜRGERPARTEI GL am 10. Juni gefragt. Zwischendurch sollte die Frage nach dem öffentlichen Stellenplan hinter verschlossenen Türen beantwortet werden. Den Antrag der BÜRGERPARTEI GL, sie öffentlich zu behandeln, ließ die Verwaltung ebenfalls unbeantwortet.

Die Antwort im Hauptausschuss am 7. Oktober: keine. Fachbereichsleiter David Sprenger verwies auf eine „formale Antwort“ und darauf, dass er das Organigramm in ungefähr drei Sekunden gegoogelt habe. Wir haben auch gegoogelt. Das Organigramm zeigt Kästchen und Namen. Besoldungsgruppen, Bewertungen, Kosten: Fehlanzeige.

Deshalb noch einmal, zum Mitschreiben und ohne Namen: Welche Funktionen sind mit A 16 bewertet? Wann und wie wurden sie zuletzt bewertet? Was kosten A 15 und A 16 zusammen pro Jahr? Das passt auf eine Seite. Googeln kann man es nicht.

Gespart wird unten. Oben wird gegoogelt.

Ob auch oben gespart wird, belegt die Verwaltung nicht. Wo unten gespart wird, hat sie selbst aufgeschrieben und im Hauptausschuss berichtet:

Tabelle 1: Gespart wird unten. Quelle: Mitteilung zum Personalkostenrahmen (Vorlage 0546/2026) und Hauptausschuss vom 07.10.2026.

Trotzdem reißt die Stadt ihren eigenen Personalkostenrahmen: 2026 um rund 1,15 Millionen Euro, 2027 laut Hochrechnung um rund 4,77 Millionen.

Laut Verwaltung trifft die Wiederbesetzungssperre Führung und Sachbearbeitung gleichermaßen. Beweisen ließe sich das mit einer Liste der Ausnahmen seit Juli. Zugesagt war sie für Oktober. Jetzt soll sie erst mit dem nächsten Halbjahresbericht kommen, weil der Zeitraum zu kurz sei. Ausnahmen zählt man aber nicht in Monaten, sondern in Zeilen.

Chronik: gefragt, vertagt, gegoogelt

Seit Mai fragt die BÜRGERPARTEI GL nach Zahlen zur Personalentwicklung: zwei Anfragen, ein Antrag. Inhaltlich beantwortet wurde bis heute nichts davon. Die Haushaltslage hat sich in dieser Zeit bewegt. Die Antworten nicht.

Tabelle 2: Chronik der Anfragen und der Haushaltslage, Mai bis Oktober 2026.

Was jetzt auf den Tisch muss

Höhere Grund- und Gewerbesteuern sind laut Haushaltsbegleitbeschluss nur das letzte Mittel. Bevor den Bürgerinnen und Bürgern wieder in die Tasche gegriffen wird, gehört die Spitze der Verwaltung auf den Prüfstand. Die BÜRGERPARTEI GL fordert:

  1. Antworten auf die drei Kernfragen zu A 16 – ohne Namen, auf einer Seite und vor den Haushaltsberatungen 2027.
  2. Die Liste der Ausnahmen von der Wiederbesetzungssperre, wie im Juli zugesagt, mit der Angabe, ob Leitungsstellen darunter sind.
  3. Einen Deckel für die Spitze: bis 2030 höchstens so viele A-16-Stellen wie 2018, rund sechs statt neun.
  4. Einen Konzern-Stellenplan, der auch die Töchter zeigt: ZEG, IPGL und Schulbau GmbH.
  5. Fachbereichsleitungen auf fünf Jahre, mit Option auf Verlängerung.

Keiner dieser Vorschläge kostet eine einzige Kita-Stelle. Sie setzen dort an, wo der Stellenplan prozentual am stärksten gewachsen ist: ganz oben.

„Sparen ist glaubwürdig, wenn es oben anfängt“, hat Thomas Klein im Hauptausschuss gesagt. In Bergisch Gladbach fängt Sparen bei 1.000 Euro an. Ob es jemals bei A 16 ankommt, verrät die Verwaltung nicht.

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